Survival Value

Zu den Fragen, die mich an der Digitalisierung der Gesellschaft interessieren, gehört auch die Vergrößerung oder Verringerung der Überlebenschancen kultureller Artefakte, eine Frage, die zu interessanten Konsequenzen führt. Wir können zum Beispiel davon ausgehen, daß unsere Literatur und unsere Musik und unsere Filme in absehbarer Zeit nicht mehr in einer physischen Form vorhanden sein werden, die wir im Laden kaufen oder ins Regal stellen können. Mein Bücherregal habe ich nur, weil ich etwa zwölf Jahre bräuchte, um meinen Buchbestand zu digitalisieren. Meine CDs sind alle im Keller, wo sie hingehören. Mein eigener produktiver Output ist fast ausschließlich digital.

Historisch gesehen hing das Survival Value kultureller Artefakte von den beiden Parametern Kopieraufwand und Robustheit des Mediums ab. Beschriebene Steintafeln waren sicher robust, aber extrem aufwendig zu kopieren. Schriftrollen zu kopieren war vergleichsweise erheblich unaufwendiger, aber Pergament oder Papyrus ungleich weniger robust. In beiden Bereichen sind wir weit gekommen. Wie sieht es mit diesen beiden Parametern in der digitalisierten Gesellschaft aus?

Zunächst die Robustheit. Erhöht Digitalisierung die Überlebenschance unserer kulturellen Artefakte in einer Welt, in der neue Artefakte auch zunehmend direkt und ohne physische Umwege oder Trägermedien jenseits reiner Speichermedien digital kreiert und digital gespeichert werden? Zum Beispiel im Falle eines Atomkriegs, in dem Rechenzentren sicherlich als vordringliche Ziele gelten dürften?

Um J. Hillis Miller zu zitieren:

On the one hand, cyberspace may easily be thought of as a postapocalyptic survival. It is as though when we enter cyberspace we are living virtually beyond the end of the world. We are using what would survive if all the books, manuscripts, and other material archives were destroyed in a nuclear holocaust. [T]he Internet is like the survivor of a nuclear war that has not yet occurred. (Black Holes, 15)

Das würde natürlich voraussetzen, daß wir wirklich so schlau sind, wie wir glauben, und daß — wie Miller einschränkend hinzufügt — Cyberspace nicht durch EMPs oder andere Effekte von Nuklearwaffen „ausradiert“ werden kann. In diesem Fall wäre, neben der Zerstörung unserer Zivilisation, die restlose und irreversible Zerstörung des Archivs denkbar, “[and the] total destruction of the basis of literature and criticism once invoked by Derrida may be a danger we still face after all” (115).

Wie sicher, wie robust ist dieser Ort für unser kollektives Gedächtnis, unsere kollektive Kultur, unser “digital mind”?

Der zweite Punkt ist die Kopierbarkeit — modern gesprochen „Redundanz“. Digitalisierung hat den Weg geöffnet für die unaufwendigste und vorlagengetreueste Kopierbarkeit aller Zeiten. Aber diese Sicherheit durch Kopierbarkeit ist trügerisch. So lange sie sich in meiner Wohnung befinden, sind meine Manuskripte auf digitalen Medien und Backup-Medien keinen Deut sicherer als in meiner Schublade (wenn ich so etwas hätte). Die Sicherheit steigt, wenn ich mindestens ein Backup-Medium woanders lagere, wenn möglich gleich in einer anderen Stadt. Aber dann steigt wieder der Aufwand und die Robustheit sinkt. Maximale Robustheit des Mediums (durch Redundanz) und maximale Unaufwendigkeit des Kopiervorgangs (durch Automatisierung) habe ich genau dann, wenn ich meine Manuskripte in die Cloud hochlade oder dort am besten überhaupt erst kreiere.

Ein Modell, das viel mehr als nur ein Backup ist, völlig unabhängig davon, auf welche Art oder Arten diese Cloud sich zukünftig weiter realisieren wird. Es ist das Überlebensmodell für unsere kulturellen Artefakte in der digitalisierten Gesellschaft. Ein Modell, das zwei Problemfelder eröffnet: Datenschutz/Privacy auf der einen Seite, Content/Verwertungsrechte auf der anderen Seite. Die Angst von Menschen, daß sie zum gläsernen Menschen werden, auf der einen Seite. Die Geiselnahme unserer kulturellen Artefakte in zentralisierten, proprietären und unkopierbaren Quarantäne-Containern zur Aufrechterhaltung obsoleter Geschäftsmodelle auf der anderen Seite. Eine Geiselnahme, überdies, die uns viel gläserner machen wird, als wir jetzt noch für möglich halten.

In einer radikal digitalisierten Welt hängt das Survival Value unserer kulturellen Artefakte in hohem Maße davon ab, wie wir uns gleichzeitig gegen zwei Reflexe wehren können: Unseren eigenen, persönlichen Privatisierungsreflex und den korporiert-globalisierten Polizeistaatsreflex der Content- und Verwertungsindustrie.

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Miller, J. Hillis, and Manuel Asensi. Black Holes / J. Hillis Miller; or, Boustrophedonic Reading. Transl. Mabel Richart. Stanford: Stanford UP, 1999.

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