Differenzen stückeln

Mich dünkt einer der Fäden der hiesigen Gespräche – deren Farbe dahingestellt sei – zwirbelt sich mäandernd um die Reduktion von Komplexität in dem Schlamassel, den wir vorläufig aufgehendes 21. Jahrhundert nennen. Instinktiv versuchen wir dabei nicht in Fundamentalismus oder die Apologie überkommener Subsysteme zu verfallen. Aber wie will man den Leap ins Neue schaffen, wenn selbst das entwickeltste Begriffssystem dem verpflichtet ist, was – wie ich vermute – in unserer Zeit insgesamt zur Verhandlung ansteht? Wo entsteht die rettende Paradoxie?

Insofern sind die Gespräche der ästhetischen Gesellschaft auch nur ein weiteres Symptom einer Gesellschaft, der ihr Kontingenzhorizont gerade um die Ohren fliegt. Weitere, weit ärgerlichere Symptome: Schirrmacher, Gaschke, Journalismusdiskussionen, löschen statt sperren, Geld verdienen mit XYZ, Internetausdrucken, AAL, …beliebig erweiterbar.

Ich vermute nun das alles sind Symptome einer tieferliegenderen Krise. Keine ökonomische, ökologische oder lolologische sondern eine der Kommunikation. Wenn nach Luhmann Kommunikation die einzige soziale Operation ist, die Gesellschaft produziert und reproduziert, dann sind natürlich technologische Entwicklungen, die diese Basis beschleunigt unter unseren Füssen umbauen ohne zu überprüfen ob wir sicher stehen, Garant für noch mehr Kontingenz. Unterhaltsam gesprochen.

Dort scheint mir auch einer der Gründe zu liegen, warum die “Ästhetische Gesellschaft” (nicht wegens Schiller, den Adorno einst als “power und patzig” titulierte 😉 ) ästhetische Gesellschaft heissen sollte. Das Thema von Kunst, Ästhetik, Mystik und Weisheit war seit je unbestimmte Komplexität, in deren Pool Sinn allenfalls im Freistil erschwommen werden kann.

Eine Gesellschaft, die höhere Komplexität ausbildet, wird also Formen der Erzeugung und Tolerierung struktureller Unsicherheiten finden müssen. Sie wird sich ihre eigene Autopoiesis gewissermaßen jenseits ihrer Strukturen garantieren müssen…” (Luhmann 1984)

Da fällt mir spontan die Anschlussfrage ein: Weil sonst was???

Igor: Der bucklige Helfer für wahnsinnige WissenschaftlerInnen in der Welle


Igor—A Google Wave Robot to Manage Your References

Auch wenn das deutsche Universitätssystem sich gerade mit eingeschaltetem Nachbrenner auf der Reise zum Mittelpunkt der Erde befindet, ist die academia immer noch meine geistige Heimat, und auch andere Länder haben schöne Universitäten. Was mich ebenso interessiert wie fasziniert sind nach wie vor die Möglichkeiten, die Google Wave für akademische Kollaboration bzw. kollaborative Forschung eröffnet. Der Proof-of-Concept-Robot “Igor”, den das oben eingebundene Video vorstellt, ist ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn Igor selbst noch ein bißchen, uh, beschränkt ist.

Was tut Igor? Auf das Stichwort “cite” mit Parametern sucht Igor selbständig die entsprechende Referenz (bislang nur auf PubMed, Connotea und CiteULike) und fügt sie in die Welle ein. Das geht wie folgt vonstatten:

  • helpmeigor@appspot.com in die Wave einladen
  • einer Referenz in Klammer „Referenz (cite STICHWORT und/oder NAME und/oder URL)“ nachstellen
  • Igor ersetzt den Ausdruck in der Klammer durch laufende Numerierung und fügt die Referenz als Fußnote ein
  • URLs als Referenzen können direkt hinter “cite” in die Klammer gesetzt werden

Eine vollständige Listung der Prozeduren gibt es hier.

An Formatierungs- und Referenzierungsmöglichkeiten in der Wave hapert es insgesamt natürlich noch. Aber, wie Jose Quesada auf Academic Productivity schreibt:

Since wave is a lot more open than Google Docs it would not surprise me to see robots coming up to mend the deficiencies that make Docs unfit for papers: no tables, crossrefs, footnotes, equations, etc. Wave gives you versioning for free, which was another pain point of scientific collaboration.

Right.

Die Gesellschaft als offenes Kunstwerk?

Die vierte Session der ästhetischen Gesellschaft beginnt nach einer kurzen Warmlauf-Phase mit einem Diskurs der auf die Frage hinausläuft, ob Kulturgüter jemandem gehören können (oder jemandem gehören können sollten). Könnten die kulturellen Artefakte, die durch Open-Access zu den Genen, Memen, Temen unserer Zeit entstehen eventuell mehr wert sein, als der Nutzen einer monopol- oder oligopolistische Marktaufteilung?

Was nicht bedeuten soll, dass wir kein Geld verdienen wollen… Es gibt eben sehr wohl konkrete und durchdachte Vorschläge, wie ein offener Umgang mit Daten, Informationen, Wissen, Memen, Geschichten (…) mit einer wachsenden und prosperierenden Gesellschaft in Einklang zu bringen ist. Ja, sogar zu einer Beschleunigung der Beschleunigung beitragen kann.

Die ästhetische Gesellschaft – Session Three

Der dritte – und aus Versehen merkwürdig kurze – Session der ästhetischen Gesellschaft beginnt mit der Debatte über meinen Versuch zu einer Pragmatik der ästhetisch-dynamischen Felder und endet in einer Zuspitzung dynamischer Gesellschaften… Klingt schlimmer, als es ist 😉