PR, Netzwerken und Propaganda unter den Bedingungen des 21. Jhds

In den 80er und 90er Jahren wurde in Management-Seminaren und solchen, die sich dafür hielten, davon gesprochen, welche Macht im Netzwerken steckt. Nun, 2010 netzwerkt irgendwie jeder, zumindest einige hundert Millionen Menschen und dies mit exzessivem Einsatz von Hochtechnologie. Dies ist möglich, da selbige im Sinne Espositos “transparent” geworden ist.

In einer Gesellschaft, in der das Netzwerken zum täglichen Brot gehört, kann es nicht mehr ein Werkzeug zur Machterlangung sein. Oder? Beschleunigt man das Netzwerken linear, so könnte durch die kontinuierliche Verbesserung der Qualität der Netzwerke nach wie vor ein Wettbewerbsvorteil zu erreichen sein. In exponentiell beschleunigten Systemen oder allein schon dann, wenn der Vergleich der Qualität der Knotenpunkte nur eine sehr kleine Schwelle darstellt, dürften die Kosten die notwendig sind, einen signifikanten Abstand zur Masse herzustellen, jedoch ebenfalls exponentiell steigen.

Von dieser Beschleunigung ist schon alleine deswegen auszugehen, weil das Netzwerken, welches mit Hilfe von digitaler Technologie erfolgt eine qualitative Kybernetisierung der Gesellschaft darstellt. Da die Kosten, selbst ein Knoten in quasi jedem beliebigen Netzwerk zu werden, extrem gering geworden sind, ist mehr denn je die Möglichkeit, selbst eine höhere Form der Unwahrscheinlichkeit anzunehmen dafür entscheidend, Teil eines qualitativ höherwertigen Netzwerkes zu werden. (Eine ersten Definitionsversuch zur Erkennbarbeit von Fortschritten habe ich hier im Wavetank vor Kurzem unternommen: Vom kulturellen Wirkungsquantum)

So werden die Effekte des digitalen Netzwerkens unmittelbar in die Gesellschaft zurückgekoppelt; die Treibjagd um das effektivere Netzwerk hat begonnen.

Schon länger sprechen wir (Siggi, Dr. J. und ich) von der Resilienz eines Netzwerks. Eine Qualität, die dessen Nachhaltigkeit in einer Weise beschreibt, die es unabhängig von Veränderungen des Marktes macht, in dem es sich bewegt… also der Unabhängigkeit von den Regeln der endlichen Spiele.

In der oben beschriebenen Situation ist aber das Netzwerken selbst zu einem endlichen Spiel geworden. Technologie hat diesbezüglich einen disruptiven Effekt gehabt, der das Netzwerken demokratisiert hat. Die Lösung des erneuten Differenzgewinnes kann nun meines Erachtens nicht im Nicht-Netzwerken liegen. Sondern vielmehr darin, das Netzwerken selbst auf einer höheren Ebene zu betrachten. (siehe auch: Die “Kybernese der Gesellschaft”)

Eine konkrete Lösung gilt es noch auszumäandern… doch liegt mir der Verdacht nahe, dass besonders zwei Faktoren hier eine entscheidende Rolle spielen könnten:

  • In Netzwerken vorrangig die Kommunikationsprozesse sehen und nicht die Kommunizierenden
  • Selbst die Position eines volatilen und gleichzeitig singulären Knotenpunktes besetzen zu können (am besten: indirekt)

Folglich: Die Entropie der Netzwerke zu erkennen und über genügend Energie zu verfügen, einen ektropischen Posten beziehen zu können. (Schon vor einiger Zeit deutete Siggi auf einem Wave-Hackathon so etwas an: Disruption und Konflikt und habe ich mir einen kleinen Spaß im weiteren Kontext erlaubt: Die Dekohärenz sozialer Systeme).

Durch die flächendeckende Einführung digitaler, sozialer Netzwerke sind die Public Relations zu final endgültigen Public Relations geworden; Propaganda* im 21. Jhd. bedeutet somit: Den ausgewählten Netzwerken Resilienz verleihende Positionen spontan besetzen und andere Positionen spontan meiden zu können.

Wieder einmal ist es also der Paradigmenwechsel vom analytisch – konstruierenden Lernen, hin zum assoziativ – musterfindenden Lernen. Nicht die Fähigkeit, möglichst viele gute Verbindungen zu interessanten Personen einzugehen, sondern unabhängig von Personen, allein auf Basis der Prozesse der Kommunikation in Netzwerken, die Muster erkennen zu können, die dem Netzwerk seine Kraft verleihen. Und diese dann gezielt zu stützen oder zu schwächen.

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*Propaganda ist ein schwieriges Wort, eigentlich wollte ich daher auf Wikipedia verlinken. Musste aber schon beim schnellen Überfliegen des Artikels dort feststellen, dass die wesentlichste Quelle fehlt. Daher verlinke ich hier auf diese Quelle: Edward Bernays, Propaganda.

3 thoughts on “PR, Netzwerken und Propaganda unter den Bedingungen des 21. Jhds”

  1. ich vermute die endlichkeit des SocialGraph wird auf eine höhere ebene gehoben, in dem nach und nach zusätzlich der »MentalGraph« aufgebaut wird, der immer mehr kognitive inhalte der einzelnen sozialen knotenpunkte (aka “gehirne”) in semantischen relationen abbildet.

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