Meta-pher

Nach dem J. vor einigen Jahren das Thema aus einer sprachanalytischen und politischen Sicht auseinander klamüsert hat, habe ich aus aktuellem Anlass eine sehr viel knappere, eher medientheoretische Zusammenfassung verfasst, die, der Vollständigkeit halber, hier wiedergegeben sei.

Ist das Internet ein Raum?
[… ] wir sind uns einig, dass die “Kanal-Metapher” untauglich ist; doch ploppt in mehreren (großen) deutschen Medienhäusern nun plötzlich die Raum-Metapher wieder auf. Diese greift auf der einen Seite zu kurz und ist auf der anderen Seite – die dann wieder politisch ist – zudem gefährlich… Am Ende wird es dann utopisch.

Die eine Seite:
Ein Raum impliziert immer noch Grenzen und Kontrolle. Diese sind im Netz nicht gegeben. Weder über die Entwicklung eines Themas, über die Art und Anzahl der Teilnehmer über die Stimmung oder Verbreitungsgrade. Ein Raum ohne Grenzen, ist aber kein Raum, sondern die Welt.

Die zweite Seite der einen Seite:
Ein Raum impliziert zudem eine Trennung von anderen Räumen. Als gäbe es “Wohnzimmer- und Schlafzimmer-Medien” mit verschiedenen Funktionsbereichen und klaren Übersetzungsprozessen. Dies ist maximal dann anzunehmen, wenn die Transferkosten nur von formal agierenden, institutionellen “Anbietern” geleistet werden können.

Das Internet ist aber Medium und Metamedium zugleich. Es vernetzt alle vorhandenen Medien und erlaubt beliebige Feedbackschleifen. Das bedeutet, dass es auch für die herkömmlichen Medien neue Gesetzmäßigkeiten geben muss…

Die andere Seite:
Der Begriff Raum ist kulturell & sprachlich mit Mustern aller Art belegt, die, wenn sie auf einen Nicht-Raum angewandt werden, zu Fehlschlüssen für einzelne Unternehmen oder auch unsere Gesellschaft als Ganzes führen:

“Das Internet ist kein rechtsfreier Raum”
Das ist ein inhaltsleerer Satz der ausschließlich grammatisch logisch ist. Alle möglichen und unmöglichen Spieler nutzen diese sprachliche Brücke für eine merkwürdige Politik die entweder von Angst oder wenig demokratie-freundlicher Gesinnung getrieben zu sein scheint.

Digitalisierung
Zu guter Letzt greift aber auch die “Mediums-Definition” für das Internet zu kurz. Viel zu kurz. Sie mag zwar dem Ego von Verlegern und Medienschaffenden schmeicheln, doch wäre dies eine brutal unterkomplexe Darstellung der Möglichkeiten einer vernetzten und digitalen Welt. Digitales Geld ist ebenso Teil des Netzes, wie elektronische Fußfesseln, ubiquitäre Sensoren, 3D-Drucker-Datendistributionsprozesse, Dronen, Algorithmen bis hin zu künstlichen Intelligenzen.

Dieser Welt mit einem maximal medientheoretischen Verständnis zu begegnen ist fahrlässig und entspricht dem Nicht-Antreten in einem asynchronen Wettbewerb. Oder dem Versuch, mit den Regelwerken eines endlichen Spieles, in einem unendlichen zu punkten.

Verdichtung
Vielleicht gehört die Idee vom Netz auch gar nicht in eine Klasse, sondern ist selbst die abstrakteste Form von etwas, was wir noch nicht ganz fassen können. Was nicht ein Teil von uns ist, sondern von dem wir ein Teil sind. Es scheint das Potential zu haben, eine großangelegte Verdichtung voranzutreiben und zugleich der Acker für die nächsten Stufen der Beschleunigung.

Ohne Utopien wie auch Dystopien, ohne umfassende Visionen und Szenarien (siehe z.B. hier), ohne eine kritische Reflexion, deren Flughöhe wir zur Zeit maximal erahnen können, werden wir den Wellen dieses Tsunamis hilflos ausgeliefert sein.

Möge der Himmel uns nicht auf den Kopf fallen.

3 thoughts on “Meta-pher”

  1. Mit kommt das semantische Nachhaken an der Metapher “Raum” zunächst etwas kleinlich vor. Ob man “Raum”, “Bereich” oder “Komplex” sagt, ist nicht so erheblich. Interessant finde ich dennoch deine Forderung, dass man versuchen müsste, sich das “Netz” (auch das ene Metapher mit einigen Implikationen!) unabhängig von den üblichen Metaphernleichen vorzustellen.
    Auf Raumbezüge zu verzichten, dürfte allerdings ungeheuer schwer fallen, einfach weil das menschliche Denken und demzufolge oder damit einhergehend auch die Sprache von räumlichen Vorstellungen mehr durchsetzt ist, als einem überhaupt klar ist. Ich weiß gar nicht, ob man logische Bezüge ohne Raumvorstellungen denken kann. Im Grunde beruht schon die ganze Grammatik auf Raumerfahrung. Ansonsten spielen “oben” und “unten”, “da sein” und “nicht da sein”, “hoch” und “tief”, “HIntergrund” und “Fokus”, “setzen” “stellen” “legen” etc ad infinitum eine derartige Rolle selbst in den abstrakten Sprachen von Bürokratie, Justiz oder Philosophien, dass man kaum je etwas äußern kann, ohne auf eine Raumvorstellung Bezug zu nehmen. Versuche das mal, es wird dir schwer fallen 😉
    Gerne wird ja auch das Wort “flüssig” ins Spielgebracht (“liquid Feedback”)… Du nutzt z.B. “Welt”, “zu kurz”, “Flughöhe” (um einfach mal beliebig in die Sätze zu pieken).
    Die einzige Parallele, die mir einfällt, ist sicherlich auch problematisch – der menschliche Geist, der einerseits im Hirn ein materielles und räumlich begrenztes Fundament hat, andererseits sich darin nicht erschöpft und quasi “grenzenlos” erscheint. Tatsächlich ist ja im Netz (bislang) nur wenig, was nicht zuvor in einem “Geist” gewesen wäre, und die Verknüpfungen, Vervielfältigungen und Interaktionen gehen auch immer zuvor durch einen Kopf bzw. Millionen Köpfe durch. Das Netz wäre dann das, was passiert, wenn man Milliarden Köpfe zusammenschaltet 😉 Ein “Raum” ist das nicht. Meine Analog-Vorstellungen kreisen eher um diffundierende Gase, osmotische Prozesse, atmosphärische Wetterprozesse. Das spiegelt allerdings noch nicht den Anteil von “Lebensprozessen”, die ich im Netz auch zu sehen meine, aber das kann eine fromme Selbsttäuschung sein und wenn wir Pech haben, gäbe die kinetische Gastheorie das Zutreffendste her, was sich übers Netz sagen lässt.

  2. Der Weltraum, unendliche Weiten… Verstehe nicht warum du bei Raum an dein Wohnzimmer denkst. Aber ob das Internet jetzt Raum für irgendwas ist oder auch nicht. Beschreibst du, wärend du dich gegen die “Mediums-Definiton” auflehnst, nicht ein Netzwerk von heterogenen “Sachen”? Eine Art “Zwischen-Netz”? Veilleicht verstehe ich nicht um was es hier eigentlich geht (und ein Bisschen hab ich das Gefühl) aber ich finde Netz, oder Netzwerk gar nicht so schwer fassbar. Was ist das Problem mit dem Internet?

  3. @Fritz: Du hast meine volle Zustimmung.

    @Peter + @Fritz:
    Die Raum-Metapher habe ich bezüglich Deiner / Eurer Einwände ungeprüft übernommen und entsprechend der mir vorgetragenen Verwendung als “Raum = Zimmer” hier ausgebreitet.

    Aber auch ein Raum im weiteren Sinne impliziert territoriale Empfindungen und die Verlockung, diesbezüglich etablierte Normen aufgrund der rein sprachlichen Möglichkeit auf “das Netz” zu projezieren, birgt zahlreiche Risiken und scheint mir (ganz bauchgefühlig) unangemessen komplexitätsreduzierend zu sein…

    Generell muss natürlich jeder Schreiber einer aktuellen Sprache die von Dir deklarierte Problematik in Kauf nehmen. Doch gerade deswegen scheint mir eine sprachanalytische Herangehensweise empfehlenswert, wenn auch wenig Alltagstauglich.

    Kleinlich. Ja. Meinetwegen. Vorsichtig tastend könnte man auch sagen. Doch sind es nicht ausschließlich feinsinnige Denkmodelle mit denen wir uns auf ernsthaftere Szenarien der Digitalisierung vorbereiten können?

    @Peter:
    Der Hintergrund waren mehre voneinander unabhängige, aktuelle Benennungen des Internets als Raum (im Sinne von Zimmer) aus durchaus respektablen Medienhäusern mit internationalem Ruf mit dem Hinweis, dass dies die begriffliche Lösung zur Auflösung strategischer Probleme in Redaktionsprozessen wie auch Unternehmensentwicklungen ist…

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